„Ich bin ein privilegierter Mensch“

Ulrich Halder, Gründungsdirektor des Naturama Aargau, geht in Pension

von Franziska Zulauf

Artikel erstmals erschienen in der ‚Aargauer Zeitung‘ vom 16. Juni 2007. Foto ‚Aargauer Tagblatt‘, Alex Spichale.


„Wer hat schon das Glück, ein Museum planen, realisieren und leiten zu können?“, fragt Ulrich Halder und erwartet eigentlich keine Antwort. Denn er selbst bekam diese Chance, aber auch die damit verbundene Arbeit und Verantwortung. Vor 10 Jahren hatte er vom Kanton Aargau den Auftrag erhalten, anstelle des verstaubten Naturhistorischen Museums ein neues, modernes Naturmuseum zu konzipieren. Dabei sollten vier Aufgabenbereiche berücksichtigt werden: Museum, Bildung, Naturschutz und Nachhaltigkeit. Ulrich Halder, promovierter Biologe, besonders interessiert an Umweltbildung und dem Prinzip ‚Nachhaltigkeit‘ verpflichtet, stürzte sich mit Begeisterung in die Arbeit. Und er hat, „ nicht allein, sondern im Team“, wie er betont, ein sinnliches Erlebnismuseum geschaffen, das alle Generationen anspricht, das Wissen vermittelt und Themen auf ganz unterschiedlichen Ebenen und mit verschiedenen Mitteln beleuchtet; ein Museum namens Naturama Aargau, das seit seiner Eröffnung 2002 jedes Jahr rund 45 000 Besucherinnen und Besucher anlockt. Aber es ist nicht nur die Umsetzung modernster Museumspädagogik, die das Naturama mit Dauerausstellung, Sonderausstellungen und Veranstaltungen so einzigartig macht. Es ist das Gesamtpaket, zu dem auch die Fachbereiche Umweltbildung, Naturschutz und Nachhaltigkeit gehören. „So viele Leistungen, Schulprojekte, Kurse und Events kann kein anderes Museum gleicher Grösse anbieten“, sagt Naturama-Direktor Halder stolz. „All dies war schon im ursprünglichen Konzept vorgesehen.“


Ulrich Halder ist ein ideenreicher, kreativer Realist, einer, der Projekte liebt, dem Alltagstrott nicht viel abgewinnen kann und neue Aufgaben sucht, sobald eines seiner Projekte reibungslos funktioniert. Er ist weniger ein Bewahrer und Hüter, als vielmehr ein naturnaher, umweltbewusster Vordenker und Macher. Halder ist zusammen mit zwei Brüdern in Aarau aufgewachsen, in einem kulturell interessierten Elternhaus. „Mein Vater war Historiker, Staatsarchivar und Kantonsbibliothekar, meine Mutter gelernte Gärtnerin; sie liebte aber auch die Musik und Literatur und schrieb die schönsten Briefe, die man sich wünschen kann“. Die Liebe zur Musik und zur Natur habe er wohl von ihr geerbt. Und sie war es auch, die Klein-Ueli zum Querflötenspiel ermunterte. ‚Soliden Unterricht‘ erhielt er ab dem 10. Lebensjahr bei Eduard Bärfuss in Lenzburg, während dem Gymnasium nahm er am Konservatorium Zürich Unterricht bei Jean Poulain. Noch in dieser Zeit durfte er als jüngster Teilnehmer den ersten Meisterkurs von Marcel Moyse in Boswil besuchen und lernte später bei Peter Lukas Graf die Musik von Bach zu schätzen und zu spielen. „Es war für mich keine leichte Wahl, ob ich nach der Matur Musik oder Biologie studieren wollte“, blickt Ulrich Halder zurück. „Doch ich habe mich richtig entschieden. Biologie als Beruf und Musik als Ausgleich und Hobby, das ist eine ideale Kombination.“ Tatsächlich ist Halder der Musik und der Flöte treu geblieben. Noch mit 58 Jahren entdeckte er den Reiz der historischen Traversoflöten , nahm Unterricht an der Schola Cantorum in Basel und spielt seither von der einfachen Renaissance- bis zur modernen Böhmflöte alle Instrumente. Zudem hat er sich auch eine eigene Sammlung mit bisher rund 50 historischen Instrumenten zugelegt. Seine beiden Leidenschaften und Begabungen kommen in der gegenwärtigen Sonderausstellung im Naturama zum Tragen: ‚Holz und Klang‘ lautet der Titel. „Die Verbindung von naturwissenschaftlichen Themen mit Handwerk und Kunst entsprechen der Philosophie des Hauses“, erklärt Halder. Zu bewundern ist auch ein Teil seiner eigenen Sammlung, darunter eine originelle «Spazierstock-Flöte» aus dem 19. Jahrhundert, die er von seinem Team als Abschiedsgeschenk zur Pensionierung erhalten hat.


Ulrich Halder hat in Basel Biologie studiert – und im Hörsaal seine spätere Frau Jacqueline, die ebenfalls Biologie studierte, kennen gelernt. Dass er es sich mit seiner Dissertation nicht möglichst leicht gemacht hat, erstaunt wenig. In den Dschungeln Javas studierte er die Ökologie und das Verhalten des Banteng, einer seltenen Wildrindart. Danach arbeitete er viele Jahre beim Schweizerischen Bund für Naturschutz (heute Pro Natura), wo ihm der Aufbau des alpinen Studienzentrums «Villa Cassel» auf der Riederalp übertragen wurde. „Im Sommer lebten wir mit unseren beiden Buben im prachtvollen Aletschgebiet, im Winter in Basel“, berichtet Halder. Neben der Informations- und Bildungsarbeit für den Naturschutzbund wirkte er hier am ersten Lehrgang für Natur- und Umweltschutz der Universität Basel mit und begründete zusammen mit Peter Lippuner die noch heute höchst erfolgreiche Sendung 'Netz Natur' beim Fernsehen DRS. Später übernahm Halder die Geschäftsleitung des WWF Schweiz. „Das war oftmals schwierig“, meint er selbstkritisch, „Bestehendes umstrukturieren liegt mir weniger als Neues aufbauen. Aber ich habe viel gelernt“. So machte er sich nach vier Jahren selbständig und widmete sich verschiedensten Umwelt-, Bildungs- und Entwicklungsprojekten – bis die Museums-Anfrage aus Aarau kam…


Das nächste Projekt, das Ulrich Halder nun vor sich hat, heisst ‚Ruhestand‘. Wobei das wohl nicht so wörtlich zu nehmen ist. Zum einen wurde er - wie bereits vor 20 Jahren für eine Amtsperiode - als Vertreter der SP in den Baselbieter Landrat (Kantonsparlament) gewählt. Er löst damit just seine Frau Jacqueline ab, die als engagierte Umweltpolitikerin während den letzten 16 Jahren SP-Landrätin war. Zum anderen will der 62-Jährige die freie Zeit geniessen, die er nun für das gemeinsame Segeln mit seiner Frau hat. Aber neben einigen anderen Projekten möchte er sich jetzt vor allem seiner Flötenleidenschaft widmen und seine Instrumentensammlung ausbauen. „Ich bin“, sagt er, „ein privilegierter Mensch. Ich konnte fast immer das tun, was ich am liebsten mache.“