Martin Kirnbauer

Leicht bearbeitete Fassung des Referates von Dr. Martin Kirnbauer, Leiter des Musikmuseums Basel, zur Neueröffnung der Musikinstrumentensammlung Willisau im Februar 2010.
Aus: 'Innerschweizer Schatztruhe: Die Musikinstrumentensammlung Willisau; Luzern , Nov. 2013. Ebenfalls publiziert in GLAREANA 1/2014.


Warum sammelt man eigentlich Musikinstrumente? Was unterscheidet das Sammeln von Musikinstrumenten etwa vom Sammeln von Briefmarken oder den einmal so beliebten Rahmdeckeli? Nach dem Sinn und Zweck des Sammelns allgemein soll hier allerdings nicht gefragt werden, da genügt ein Verweis auf unsere gemeinsame Vergangenheit als frühzeitliche Sammler und Jäger. Vielmehr möchte ich die Aufmerksamkeit auf den besonderen Gegenstand 'Musikinstrument' lenken. Dieser ist ja in erster Linie ein Klangerzeuger, also ein musikalisches Werkzeug für Musiker und Musikerinnen, ersonnen und gebaut für die praktische Aufführung von Musik – nicht aber stummes Objekt zum Sammeln. (In Klammern sei allerdings angemerkt, dass dieser in erster Linie praktische Bezug selbstverständlich auch für Briefmarken gilt, die ursprünglich und in erster Linie als ‘Postwertzeichen zur Erhebung postalischer Beförderungsgebühren’, d.h. zum Kleben auf Briefe, hergestellt und vertrieben werden.)


Tatsächlich waren Musikinstrumente über lange Zeit keine bewussten Sammlungsobjekte, sie ‘sammelten’ sich nur irgendwo an (etwa in einer fürstlichen Kapelle oder in einer Kirche), und dienten dort als eine Art Reservoir für den musikalischen Gebrauch oder sie wurden, wenn sie defekt oder veraltet waren, dort abgestellt. Ausnahmen stellen einige äusserst reichhaltige Instrumentensammlungen von Königen, Fürsten oder reichen Patriziern dar, wie beispielsweise der englische König Henry VIII mit etwa 300 Instrumenten oder Raimund Fugger, einem der reichsten Männer der damaligen Zeit, der 1566 über 100 Flöten, mehr als 140 Lauten, viele Tasteninstrumente usw. besaß. Solche Sammlungen gehörten sozusagen zum ‘guten Ton’ eines Mächtigen, dienten sie doch in erster Linie durch ihre schiere Größe und Reichhaltigkeit zur Darstellung von Magnifizenz, Reichtum, Geschmack und nicht zuletzt auch von verfeinerter Bildung.


Dies insbesondere, da zu solchen Instrumentenbeständen auch besonders auffällige und kostbare Objekte gehören konnten wie auch exotische Musikinstrumente, die schon wegen der fernen und fremden Herkunft auffällig und kostbar waren. Darin spiegelte sich eine besondere Aneignung der Welt, die Idee der sogenannten ‘Kunst- und Wunderkammer’, in der all die Wunder- und Sonderbarkeiten der Schöpfung versammelt wurden, um sie zu bestaunen und buchstäblich begreifbar zu machen. Neben ausgestopften seltenen Tieren, Münzen und wissenschaftlichen Geräten gehörten hierzu auch Musikinstrumente, in denen sich die physikalisch-musikalische Ordnung der Welt mit ihren Zahlenproportionen wiederfinden liess.


Trotzdem sind Musikinstrumente in erster Linie Gebrauchswerkzeuge zum Musizieren, angepasst an die jeweils mit ihnen aufzuführende Musik. Das bedeutet zugleich, dass sie im Laufe der Zeit ‘veralten’, weil sich die Musik verändert und andere Anforderungen an die Instrumente gestellt werden. Dabei ist es wichtig zu wissen, dass bis zum 19. Jahrhundert vor allem zeitgenössische Musik gespielt und gehört wurde, aber kaum Musik früherer Zeiten, die eben „veraltet“ war. Erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde im Zuge des Historismus auch diese ‘Alte Musik’ wiederentdeckt und aufgeführt, zunächst und für lange Zeit aber noch mit den modernen Instrumenten der eigenen Zeit (wie etwa Musik für Cembalo auf einem Flügel). Mit dem Interesse an der musikalischen Vergangenheit setzte auch ein Sammeln von Musikinstrumenten ein, eben den Klangwerkzeugen für die 'Alte Musik'. Diese dienten aber zunächst nicht als Objekte zum Musikmachen, sondern als Dokumente oder historische Accessoires. Aus dieser Zeit stammen eine Reihe der grossen europäischen Sammlungen mit Musikinstrumenten, etwa jene in Nürnberg (Germanisches Nationalmuseum), in Paris (Musée du Conservatoire) oder in Basel (Historisches Museum).


Neben solchen öffentlichen Sammlungen gab es bald auch private Sammler. Zu diesen Liebhabern gehörte etwa der Luzerner Farben-Fabrikant Heinrich Schumacher, der 1881 mit dem Sammeln von Musikinstrumenten begann. Dieser Sammlertypus strebte meist eine Art „Arche Noah“-Sammlung an, von jedem Typus und jeder Art wollte er ein Exemplar besitzen. Er pflegte sein Hobby teils unter beträchtlichem Einsatz von finanziellen Mitteln und er hielt auch Kontakt zu anderen Sammlern, um sich gegenseitig auf besondere Stücke aufmerksam zu machen oder um durch Tausch an Fehlendes zu gelangen. Diese Zeit bis zum Ende des 19. Jahrhunderts wird oft als „golden age of collecting“ bezeichnet, da an alte – bzw. eben ‘veraltete’ – Musikinstrumente leicht heranzukommen war und auch interessante Musikinstrumente günstig erworben werden konnten.


Die Kehrseite des hier entstehenden Marktes für alte Musikinstrumente waren allerdings findige Händler und Hersteller, die alle Bedürfnisse der Kunden zu befriedigen versprachen. Notfalls fälschten sie auch Instrumente phantasievoll, um der Nachfrage nachzukommen – auf Seiten der Sammler gab es ja noch keine spezialisierten Kenntnisse für die Beurteilung. Und da diese Sammelstücke ja auch nicht wirklich zum Bespielen gedacht waren, war ihre Spielbarkeit kein Kriterium.


Das änderte sich erst allmählich ab dem Beginn des 20. Jahrhunderts, aber zunächst und für lange Zeit nur für bestimmte Instrumente wie etwa Tasteninstrumente oder auch bestimmte Streichinstrumente, die keine allzu grosse Differenz zu ihren modernen Nachfolgern aufwiesen oder bequem entsprechend eingerichtet werden konnten. Mit der sogenannten ‘historischen Aufführungspraxis’, in der alle Bereiche der Alten Musik vom Mittelalter bis neuerdings zur Romantik und darüber hinaus in ihrem originalen Klangbild aufgeführt wurde und wird, kamen zunehmend auch alte Musikinstrumente wieder zum Einsatz, aus praktischen Gründen allerdings meist als Vorbilder für Kopien.


Hier kommt nun ein weiterer, besonderer Sammlertypus ins Spiel, der ebenfalls hier in der Willisauer Sammlung prominent vertreten ist: Da eine ganze Reihe von alten Instrumententypen auf dem Sammlermarkt gar nicht oder nur sehr schwierig zu bekommen waren, und entsprechende Instrumente in den bestehenden Sammlungen nicht spielbar waren oder gespielt werden durften, fertigten Christian und Leonie Patt Nachbauten und Rekonstruktionen von Musikinstrumenten aus Mittelalter und Renaissance an, auf denen gespielt werden durfte.


Und genau hierin zeigt sich der entscheidende Unterschied zwischen einer Sammlung und einem Museum. Eine Sammlung erklärt sich aus dem blossen Sammeln; sie hat keinen weiteren Zweck und keine weitere Begrenzung als das Interesse des Sammlers und seines Sammlungsgegenstandes. Ein Museum aber hat heute eine sehr klar umrissene Aufgabe und Verpflichtung: die Sammlung öffentlich zugänglich zu machen, dabei dauerhaft zu bewahren und zu dokumentieren. Und gerade der Auftrag des Bewahrens hat eine einschneidende Konsequenz: Originale Musikinstrumente sollten nicht gespielt werden, da jedes Bespielen – durch das blosse Hantieren, durch unabwendbare Blasfeuchtigkeit, durch notwendige Einrichtungen mit neuen Saiten, durch zwangsläufige Reparaturen für ein Funktionieren des Instrumentes usw. – eine Art Verbrauchen, ja zugespitzt sogar ein Zerstören von originaler Substanz bedeutet und damit einen Verlust dessen, was eigentlich bewahrt werden sollte. Dieser besondere Aspekt des Gebrauchs einer Sammlung unterscheidet Musikinstrumente auch wesentlich etwa von Gemälden. Diese werden in einer Sammlung oder einem Museum genau so benutzt, wozu sie ursprünglich gemacht wurden, indem wir sie betrachten, ohne sie dabei irgendwie zu ‘verbrauchen’.


Diese kleine Geschichte des Sammelns von Musikinstrumenten soll der ‘Musikinstrumentensammlung Willisau’ einen Kontext geben und ihre Bedeutung charakterisieren. Eine Sammlung besteht aus mehr als nur der Summe ihrer Einzelstücke, sie hat immer ein ganz eigenes Profil und eine eigene Geschichte. Die Willisauer Sammlung ist durch die beiden Sammlungsteile geprägt: die alte Sammlung Schumacher und weitere Stücke aus der früheren „Städtischen Sammlung alter Musikinstrumente im Richard-Wagner-Museum“ in Tribschen-Luzern auf der einen Seite und die Sammlung Patt auf der anderen Seite. Dabei handelt es sich einerseits um eine ursprünglich private Sammlung, die im Laufe der Zeit ‘musealisiert’ wurde und an die entsprechende Ansprüche hinsichtlich Bewahren, Dokumentieren etc. gestellt werden müssen. Auf der anderen Seite steht eine private Sammlung, deren Zweck eben im Bespielen bestand und ein gutes Stück weit immer noch besteht. Bezeichnend ist die Aussage von Leonie Patt, die einmal in einem Interview von dem Besuch einiger Nürnberger Museumsleute erzählte: „Unsere Instrumente sind intakt, zum Anfassen und Spielen. Nicht hinter Glas nur zum Anschauen. Die waren richtig neidisch.“

Für diesen Spagat zwischen den Anforderungen an eine museale Sammlung mit größtmöglicher Rücksicht auf die teils fragilen Originale auf der einen Seite und der wirklich beneidenswerten Möglichkeit, spielfähige Musikinstrumente dem Publikum vorzuführen auf der anderen, für diesen Spagat bietet die Musikinstrumentensammlung Willisau die besten Voraussetzungen.