Eine kurze Geschichte der kurzen Flöte


Ulrich Halder

Artikel erstmals publiziert in Glareana, 1 / 2009, Zeitschrift der Gesellschaft der Freunde Alter Musikinstrumente (GEFAM), 58. Jahrgang. ISSN 1660-2730. Zudem im Begleitbuch zur CD 'Historische Märsche und Signale' des Eidgenössischen Feldspiels. Produktion und Vertrieb Tonstudio AMOS, 4207 Bretzwil


Vom Knochenrohr…

Die Flöte gehört zweifellos zu den ursprünglichsten Musikinstrumenten der Menschheit. Die weltweit ältesten Funde – zwei in der eiszeitlichen Geissenklösterle-Höhle bei Blaubeuren gefundene Flötchen – werden auf rund 36'000 Jahre geschätzt. In China wurden in rund 9’000 Jahre alten steinzeitlichen Gräbern sogar noch spielbare Knochenflöten gefunden! Allerdings handelt es sich bei diesen urzeitlichen Instrumenten wohl um senkrecht oder schräg gehaltene Längsflöten, die durch Anblasen der (gekerbten) Rohrkante oder – wie bei der heutigen Blockflöte – eines ins Rohr geschnittenen Labiums zum Klingen gebracht wurden. Möglicherweise dienten diese meist aus Knochen geschaffenen Instrumente als Signal- oder Lockpfeifen auf der Jagd.

Die Schwanenflügelknochenflöte aus der Geissenklösterele-Höhle bei Blaubeuren gilt mit rund 36'000 Jahren als ältestes Musikinstrument der Welt. Sie wurde allerdings nicht quer, sondern längs gespielt – durch Anblasen der oberen (jetzt abgebrochenen) Kante des Röhrenknochens. Das 12.5 cm lange Fragment dürfte ursprünglich gut ein Drittel länger gewesen sein. Württembergisches Landesmuseum, Stuttgart.


Aus der griechischen Antike fehlen Hinweise auf quer geblasene Flöten fast vollständig, und auch aus der Römerzeit sind Hinweise auf die Querflöte (fistula obliqua) äusserst spärlich. Vereinzelte Abbildungen der Querflöte sind von römischen Reliefs und Münzen bekannt, doch erscheinen sie erst in der Spätphase der Römerzeit um Christi Geburt. Kamen ihre Vorfahren möglicherweise auf Handelswegen aus dem asiatischen Raum nach Europa? Jedenfalls sind Flötenabbildungen aus vorchristlicher Zeit aus China, aus Ländern entlang der Seidenstrasse und aus Indien bekannt.

Die vielleicht älteste Darstellung der Querflöte in Europa findet sich auf einer etruskischen Aschenurne aus dem 2. Jh. v. Chr. Hinweise auf die Verwendung der Querflöte in der Antike fehlen sonst weitgehend. Aus: Raymond Meylan, Die Flöte, Hallwag Verlag, Bern 1974.


…zur Hirtenflöte

Sehr viel häufiger treten bildliche und schriftliche Zeugnisse der Querflöte im Mittelalter auf, und zwar erstmals im 10. / 11. Jh. im Byzantinischen Reich. Manche Abbildungen zeigen die Flöte als Hirteninstrument, andere lassen auf eine Verwendung in der Tanz- und Unterhaltungsmusik schliessen. Im 13./14. Jh. erscheint die Querflöte sowohl zusammen mit Trommel und anderen ‚lauten’ Instrumenten, als auch im intim-höfischen Rahmen im Zusammenspiel mit Sängern, Fiedel und Harfe. Nach den Illustrationen zu schliessen bestand die mittelalterliche Flöte aus einem zylindrischen Rohr mit weiter Bohrung, verfügte nebst Mundloch über sechs Grifflöcher und war aus verschiedenen Holzarten oder Elfenbein, im südlichen Europa möglicherweise auch aus Bambus gefertigt. Bei überwiegend mittleren Rohrlängen dürfte die Mehrzahl der abgebildeten Instrumente etwa den Grundton D1 oder C1 erreicht und bis zu drei Oktaven umfasst haben. Eindeutige Hinweise auf die Pfeife als einer besonders kurzen und hoch klingenden Querflöte sind aus dieser Zeit nicht bekannt.

Der junge David inmitten seiner Herde. Byzantinische Miniatur aus dem 11. Jh. aus dem Kloster von Studios, Konstantinopel. Aus: Raymond Meylan, Die Flöte, Hallwag Verlag, Bern 1974.

Viele Zeugnisse aus dem 16. Jh. zeigen, wie populär die Querflöte in der Renaissance war. Aus dieser Zeit sind etwa 50 originale Instrumente erhalten geblieben. Es handelt sich dabei meist um zylindrisch gebohrte, eher dünnwandige Instrumente aus Fruchthölzern, Buchsbaum oder Elfenbein mit 2 x 3 Grifflöchern und einem kleinen Blasloch. Mit Tenor- (etwa in D1) und Bassflöte (in G) überwiegen zwei Längen; kürzere Diskantflöten (z.B. in A1) waren offenbar weniger gebräuchlich. Die Flöte der Renaissance wurde wohl ebenfalls zusammen mit Singstimme und anderen Instrumenten gespielt, ab etwa 1520 aber auch in reinen Flöten-Ensembles (Consort).


Die Querflöte im intimen Zusammenspiel mit Fiedel und Gesang. Miniatur aus dem manessischen Liederbuch des Minnesängers Johannes Hadlaub, wahrscheinlich aus dem Kloster Ötenbach bei Zürich, um 1340. Aus: Raymond Meylan, Die Flöte, Hallwag Verlag, Bern 1974.


Viele Namen – viele Flöten?

Aus dem frühen 16. Jh. stammen auch die ersten genaueren Beschreibungen der verschiedenen Flöteninstrumente: Während unter ‚Flöten’ im wesentlichen die Blockflöte und unter Schwegel die Taborpfeife (Einhandflöte) verstanden wurden, werden die Querflöten als Querpfeiffen, Zwerchpfeiff, Flûte allemande oder Schweitzerpfeiff bezeichnet – allerdings ist die Namensgebung noch recht uneinheitlich. Die beiden letzteren Bezeichnungen weisen darauf hin, dass die Querflöte – wohl meist in Kombination mit der Trommel – bereits Ende des 15. Jh. in der Schweiz und in Süddeutschland sehr beliebt war und sich von da über das restliche Europa ausbreitete.



1619 erscheint in Michael Praetorius Syntagma Musicum, Band 2, Tafel IX unter der Bezeichnung Schweitzer Pfeifflin erstmals eine Abbildung (Nr. 4 unten rechts) und Beschreibung der Querpfeife als spezifisch militärischem Instrument: „…die Schweitzerpfeiff / sonsten Feldpfeiff genand / dieselbige hat ihre absonderliche Griffe / welche mit der Querflötten gantz nicht uberein kommen: Unnd allein bey der Soldaten Trummeln gebraucht wird“.

Allerdings erscheint erst 1619 erstmals eine klare Abtrennung der kurzen Querpfeife von der längeren Querflöte: In seiner Enzyclopädie ‚Syntagma Musicum’ beschreibt der Komponist und Musiktheoretiker Michael Praetorius (1571 – 1621) mit der Schweitzerpfeiff ein spezielles Militärinstrument, das vor allem von deutschen und Schweizer Soldaten gebraucht wurde und sich – anderen zeitgenössischen Beschreibungen folgend – durch ein kurzes Rohr mit 6 Grifflöchern, eine enge Bohrung ‚im Durchmesser einer Pistolenkugel’ und durch einen schrillen Klang auszeichnete. Allerdings wäre es falsch, kurze Pfeife und militärische Verwendung gleichzusetzen! Wie wir sehen werden, benutzten Söldner zumindest bis ins 16. Jh Querflöten unterschiedlicher Länge. Andererseits ist vielfach belegt, dass Pfeife und Trommel mit grosser Könnerschaft auch für zivile Zwecke verwendet wurden.


Pfeife und Trommel: die Unzertrennlichen

Gegen Ende des 15. Jh. war die Querpfeife in der Schweiz bereits weit verbreitet: das populäre Paar 'pfiffe und trumme' durfte an keiner Tanzveranstaltung, Hochzeit oder Taufe, an keinem Jahrmarkt und Schützenfest fehlen. Die meisten Spielleute waren wohl Wandermusiker oder amteten im Nebenberuf, doch leisteten sich grössere Städte wie etwa Basel oder Bern besoldete Stadtpfeifer. Diese mussten nicht nur die Querpfeife, sondern auch Dudelsack und Schalmei, als Turmbläser zudem das Türmerhorn beherrschen. Ihre Aufgabe war es, bei offiziellen Anlässen, Aufmärschen und Umzügen der Stadt aufzuspielen, daneben aber auch bei militärischen Einsätzen mitzuwirken.

Querpfeife und Trommel waren seit Ende des 15. Jh. in Deutschland und der Schweiz äusserst populär. Sie wurden nicht nur für militärische Zwecke, sondern ebenso zu Tanz und Unterhaltung gespielt. Hier: ‚Tanzgesellschaft’ aus Hartmann Schedels Weltchronik, Nürnberg 1493. Faksimile-Ausgabe, Leipzig 1990.


Zog die Stadt ins Feld, hatten die Spielleute zusammen mit den Tambouren die Fahne, das Ehrenzeichen der Stadt, zu begleiten. Primäre Aufgabe dieses Feldspiels war, zu einem würdigen Auftritt der Truppe beizutragen. Dazu gehörten rhythmische Trommel- und Pfeifenklänge auf den Märschen, die Begleitung von Zeremonien rund um das Stadtbanner und sicherlich auch Unterhaltungsmusik, um die Truppe diszipliniert und bei guter Laune zu halten.



Pfeife und Trommel sorgten bei militärischen Aufmärschen und Zeremonien für einen geordneten Auftritt der Soldaten. Meist führten sie die Truppe zusammen mit dem Ehrenbanner an. Im Gegensatz zu den kombattanten Kriegern trug das Feldspiel oft keine vollständige Rüstung. Diebold Schilling d.Ä. (um 1430 – 1486), Amtliche Berner Chronik, Zerstörung der Burgen von Äschi und Halten, 1332. Gesamtedition Faksimile, Aare Verlag, Bern 1943/45.


Über die hierbei gespielten Melodien wissen wir heute nur wenig, wurden sie doch damals noch kaum aufgeschrieben. Während dem Marschieren improvisierte der Pfeifer wahrscheinlich frei im Takt des Trommelklanges; dieser allerdings folgte bereits vorgegebenen rhythmischen Regeln, die sich von Land zu Land unterschieden. Auch die Begleitmusik zu den Zeremonien dürfte nach hergebrachten Mustern vorgegeben gewesen sein. Die Unterhaltungsmusik schliesslich wird wohl aus damals populären Melodien bestanden haben, die im Volk auf verschiedensten Instrumenten gespielt oder auch gesungen wurden: Tänze, Liebes- und Spottlieder, und sicherlich auch der eine oder andere aktuelle Gassenhauer…


In eigenen und fremden Diensten

Die Trommel wurde auch zur Übermittlung militärischer Signale – gleichsam Befehlen in nonverbaler akustischer Form – verwendet. Zu diesen Signalen gehörten etwa das 'Umbschlagen' (die Ankündigung und Begleitung eines Befehls mit Trommelschlag) und das 'Lermen' (das Zeichen zum Angriff). Das 'Feldgeschray' – ein von heftigem Getrommel und Gepfeife unterstütztes Schlachtgebrüll – bezweckte dagegen wohl eher die Eigenmotivation und Abschreckung des Gegners – etwa vergleichbar dem Gejohle im heutigen Fussballstadion… Schwer vorstellbar, dass die in den Chroniken des 15. Jh. abgebildeten, eher langen Querpfeifen und die relativ kleinen Trommeln in der Lage waren, sich im infernalischen Gefechtslärm Gehör zu verschaffen! Und doch belegen die alten Chroniken, dass die Feldmusik in der blutigen Schlacht tapfer mitging oder sie wenigstens aus gewisser Distanz musikalisch begleitete. Besonders häufig zeigen die zeitgenössischen Abbildungen Pfeife und Trommel aber im Aufmarsch, in militärischen Zeremonien oder beim Lagerleben. Oft tragen Pfeifer und Tambour auch nicht die volle Rüstung wie die kombattanten Soldaten. Meist aber stehen oder gehen sie direkt neben der Fahne, wohl um die Bedeutung und optische ‚Ausstrahlung’ des Feldzeichens auch akustisch zu markieren.


Die Schweizer Reisläufer nahmen nicht nur ihre Waffen und Ehrenbanner, sondern auch ihre Feldmusik in die fremden Dienste mit – wie hier die Luzerner Söldner bei ihrer Abfahrt nach Frankreich, Ostern 1508. Aus: Robert Durrer / Paul Hilber, Diebold Schilling d.J. (1460 – 1515), Luzerner Bilderchronik 1513, Sadag, Genf 1932.


Die Siege der Eidgenossen in den Burgunderkriegen gegen Ende des 15. Jh. machten die Schweizer Krieger zu gefragten Fremdarbeitern, die – wohl auch zum eigenen Vergnügen – ihre Trommler und Pfeifer in die fremden Dienste mitnahmen. Nicht zuletzt war auch die 1506 von Papst Julius II geschaffene Schweizer Garde mit Trommeln und Pfeifen ausgerüstet – eine Tradition, die vor einigen Jahren wieder eingeführt wurde. So trug das Schweizer Söldnerwesen wesentlich dazu bei, die Querflöte als ziviles und militärisches Instrument in Deutschland, Frankreich, Spanien und Italien bekannt zu machen.


Pfeifen aller Arten

Über die Bauart der Querpfeife im 15. Jh. ist uns wenig bekannt. Die ältesten erhaltenen Originalinstrumente sowie die ersten genaueren Beschreibungen, Abbildungen und Spielanweisungen stammen aus dem 16. Jh. Zu Beginn des 17. Jh wird erstmals eine kurze Schweitzerpfeiff mit enger Bohrung, scharfem Klang und speziellen Fingergriffen zu militärischen Zwecken dargestellt. Allerdings zeigen zahlreiche Illustrationen aus dieser Zeit Soldaten mit auffallend langen Querpfeifen, die sie zusammen mit mächtigen Trommeln spielen. Manche der Pfeifer tragen zudem einen Köcher, der offensichtlich als Futteral für mehrere Traversflöten unterschiedlicher Länge diente. Offensichtlich wurden damals nicht nur am Hof und im Bürgerhaus, sondern auch in der Armee Querpfeifen verschiedener Stimmlagen gespielt – wie die überlieferten Abbildungen zeigen, wohl häufiger in Kombination mit Trommel oder anderen Instrumenten als im reinen Flöten-Consort.

Zwei deutsche Militärmusiker Mitte des 16. Jh.. Der Tambour spielt eine grosse Trommel, der Pfeifer ein langes Instrument mit auffallend weit auseinander liegenden Grifflöchern. Über der Schulter trägt er einen Köcher für vier weitere Pfeifen unterschiedlicher Länge. Anonymer Holzschnitt, um 1555. Aus: Ardal Powell, The Flute. Yale University Press, New Haven 2002.


In der angenehm klingenden und vielseitig einsetzbaren Mittellage wurde die zylindrisch gebohrte Tenorflöte (meist in D1) im letzten Drittel des 17. Jh vom einklappigen, später mehrklappigen Traverso mit konischer Bohrung abgelöst, welches wiederum zum Vorläuferinstrument unserer modernen Querflöte wurde. In Frankreich verschwand die Diskantflöte im Laufe der Zeit vollständig, konnte doch der Sopranpart im mehrstimmigen Ensemble problemlos von der Tenorflöte mit ihrem grossen Stimmumfang übernommen werden. Ab dem späten 16. Jh übernahm immer häufiger die kurze Querpfeife das hohe Flötenregister – je nach Verwendungszweck und Sprache unter der Bezeichnung Schwegel, Trommelflöte, Piccolo, fife, fifre oder fiffaro.


Die Flöte im Wandel

Ausgehend vom Brauchtum in der Schweiz und in Süddeutschland und gefördert durch das Söldnerwesen entwickelten sich Pfeife und Trommel ab dem 16. Jh. zur europaweit bevorzugten Feldmusik der Infanterie. Mit der Entwicklung der Gefechtstechnik und der Rolle der Armeen in den verschiedenen Ländern durchlief sie in den folgenden Jahrhunderten unterschiedliche Phasen der Förderung, des Abbaus und der Wiederbelebung, wurde im Rahmen von sog. Ordonnanzen reglementiert, erfuhr Änderungen im Repertoire, wurde mit zusätzlichen Instrumenten zur Harmoniemusik erweitert und war Brotkorb und Ausbildungsstätte für Generationen von Musikern, die ihre Karriere inner- und ausserhalb der Armee verfolgten.


Gegen Ende des 17. Jh. verlor die Feldpfeife mancherorts ihre Bedeutung als Standardinstrument der Fusstruppen. Der Text zu diesem Bild von ca. 1695 besagt, dass die in der französischen Armee vormals weit verbreitete Pfeife nur noch von den Schweizer Kompanien, die Oboe dagegen von den berittenen Truppen, den Musketieren und dem königlichen Regiment verwendet würden. Aus: Nicolas Guérard (ca. 1648 – 1719), L’art militaire, Fifres et Hautbois (um 1695). RIMAB (Répertoire d’iconographie de la musique ancienne), Schola Cantorum, Basel 2007/08.


Allerdings wandelten sich im Lauf der Zeit nicht nur der funktionale und gesellschaftliche Kontext der Feldmusik, sondern auch die verwendeten Instrumente. Nach den frühesten Darstellungen von Arbeau (1588) und Praetorius (1618) scheint es sich bei der militärischen Feldpfeife jener Zeit um ein relativ kurzes, zylindrisch gebohrtes und mit sechs Grifflöchern versehenes Instrument mit vergleichsweise lautem und scharfem Ton gehandelt zu haben. Da kaum Originalinstrumente überliefert sind, wissen wir über ihre Tonlage nur wenig: Oktavierte die Schweitzerpfeiff die Tenorflöte (normalerweise in D1), spielte sie in A1 wie die Diskantflöte, oder in nochmals anderen Stimmungen? Um 1640 wird von Querpfeifen aus Frankreich, Italien und Holland berichtet, welche in G1 spielten, also eine Quart höher als die übliche Tenorflöte. Aber waren das Militärinstrumente? Es gibt Hinweise, dass ähnliche Pfeifen am Französischen Hof von der Garde Suisse verwendet wurden; unter der Bezeichnung traversa a quarta alta dienten Querflöten in gleicher Stimmung aber sicher auch zivilen Zwecken.


Im Rahmen eines Forschungsprojektes der Schola Cantorum Basel über die Musik der Grande Ecurie am Hof von Versailles um 1700 stellte sich auch die Frage nach dem damaligen Instrumentarium. Da keine originale französische Pfeife aus jener Zeit gefunden werden konnte, diente eine Diskantflöte aus dem Schloss Altenklingen/CH als Vorbild für die Nachbauten - hier gespielt vom Ensemble Arcimboldo (Ltg. Thilo Hirsch). Nachbau der Fifres: Boaz Berney, Jaffa; Nachbau der Trommeln: Walter Büchler, Basel. (Foto: Susanna Drescher, Basel).


Mögen sich bis hierher Pfeife und Querflöte weniger in ihrer Konstruktion als in ihrer Tonlage und Verwendung unterschieden haben, so zeichnet sich gegen Ende des 17. Jh. eine deutlichere Unterscheidung ab. Um 1670/80 wurden in Frankreich und möglicherweise auch andernorts erste dreiteilige Querflöten mit konischer – d.h. gegen das untere Rohrende hin sich verengender – Bohrung und einem siebten, mit einer Klappe für den rechten Kleinfinger zu deckenden Tonloch für Dis1/Es1 gebaut. Diese Neuerungen verbesserten die Reinheit der ‚überblasenen’ höheren Töne, erlaubten ein ergonomisch vorteilhaftes Zusammenrücken der Fingerlöcher und ermöglichten nun ein fast vollständiges chromatisches Spiel über rund zweieinhalb Oktaven. Am Französischen Hof wurde die neue Flöte jetzt als vollwertiges Orchester- und Soloinstrument anerkannt: Als erster Komponist setzte sie Lully 1681 in seiner Oper ‚Le Triomphe de l’Amour’ ein. Von den Prunksälen, Lustgärten und Privatgemächern des Sonnenkönigs Louis XIV aus sollte die Flûte d’Allemagne in den folgenden einhundert Jahren in kaum veränderter Form zu einem der beliebtesten Instrumente der höfischen und bürgerlichen Kunstmusik avancieren.


Von der Pfeife zum Piccolo

Welche Auswirkungen hatte diese Entwicklung der grossen Querflöte auf jene der kleineren Pfeife – etwa am französischen Hof, wo sich Louis XIV und sein Nachfolger Louis XV die Grande Ecurie hielten, ein Ensemble speziell für militärische Zeremonien und Freiluftanlässe? Zu dieser Formation gehörte u.a. auch die Garde Suisse mit ihren Pfeifern und Trommlern. Mangels Originalinstrumenten aus Versailles wissen wir nicht genau, welcher Art ihre Flöten waren. Die wenigen vergleichbaren Feldpfeifen aus jener Zeit zeigen zumeist die herkömmliche klappenlose und zylindrische Bauweise; allerdings weist eines dieser originalen Instrumente bereits eine leicht konische Bohrung auf und erfordert andere Griffe. Wie lange die Übergangszeit zwischen altem und neuem Baukonzept gedauert hat, ist nicht bekannt. Fest steht aber, dass in der französischen Armee die in der Kunstmusik bereits seit etwa 1730 sporadisch eingesetzte kleine ‚Oktav-Flöte’ – das heutige Piccolo – gegen Ende des 18. Jh. die Feldpfeife ablöste. Im österreichischen Heer wurde die herkömmliche Zwerchpfeife etwa zu Beginn des 19. Jh. durch das einklappige konische Piccolo ersetzt, in den englischen fife and drum bands sogar erst um die Mitte des Jahrhunderts.

Das berühmte Gemälde Le Fifre (Der Pfeifer) von Edouard Manet (1832 – 1883) entstand 1866. Es zeigt einen jungen Mann in Uniform (einen Kadetten?) mit umgehängtem Pfeifenköcher. Er spielt ein einfaches einklappiges Piccolo (in G1?), obwohl zu jener Zeit mehrklappige Instrumente und selbst das Böhm-Piccolo längst im Gebrauch waren. Originalgemälde im Musée d’Orsay, Paris.


Das Piccolo ist im strengen Sinne keine Pfeife, sondern eine kleine Flöte, die Petite flûte à l’octave. Die Bezeichnung Piccolo bürgerte sich in Frankreich erst zu Beginn des 19. Jh. ein, nachdem die Oktav-Flöte bereits in zahlreichen Kompositionen – etwa in verschiedenen Symphonien von Beethoven – eingesetzt worden war. Nach dem Vorbild des neuen Flötetypus war sie konisch gebohrt, meist zweiteilig gefertigt und mit einer Fuss-Klappe versehen, welche die Erzeugung aller Halbtöne ab D2 über gut zwei Oktaven ermöglichte. Das Piccolo machte auch die weiteren Entwicklungen der Querflöte mit, allerdings meist mit einer gewissen Verzögerung. So sind vom Ende des 18. Jh. dreiteilige Instrumente bekannt, welche den Einsatz auswechselbarer Mittelteile (corps de rechange) und damit ein Spielen in unterschiedlichen Stimmlagen ermöglichten. Nach der Wende zum 19. Jh. erschienen erste Piccoli mit zusätzlichen Tonlöchern, resp. Klappen (neben Dis2 nun auch für F2, Gis2 und B2), zu welchen später noch weitere Klappen für C2 und F2 (sog. Lang-F) kamen.

Auch die fundamentale Neukonstruktion der Querflöte durch Theobald Böhm zwischen 1830 und 1850 machte vor dem Piccolo nicht Halt. Dieses erschien nun als mehrheitlich konisch, seltener auch zylindrisch gebohrtes, mit 14 bis 15 Tonlöchern und entsprechender Anzahl Deckel- oder Ring-Klappen versehenes Instrument in Holz oder (gelegentlich) Metall, mit einem Tonumfang von D2 über fast drei Oktaven bis C4 und in der Grundtonart C-Dur – dies im Gegensatz zu seinen ein- bis sechsklappigen Vorgängern, bei welchen die Tonfolge D-Dur erklingt, wenn ein Tonloch nach dem andern geöffnet wird. Schliesslich wurden im Piccolo auch die zahlreichen Variationen und Gegenmodelle des Böhmsystems umgesetzt – namentlich die in England populären Hybridkonstruktionen der Londoner Firma Rudall & Carte und die in Deutschland bis zum Zweiten Weltkrieg verbreiteten ‚Reformsysteme’ nach Schwedler. Allerdings sind diese Instrumente heute nur noch von historischem Interesse.


Vielfalt des Piccolo. Von unten nach oben: Anonym, Frankreich, einklappig, Ende 19. Jh. + Hug & Co, Basel, Deutschland, sechsklappig, mit Reformansatz, Anfang 20. Jh. + E. Oesch, Basel, Basler Piccolo, sechsklappig, Grenadill mit Neusilber-Kopf, um 1980 + Jérome Thibouville Lamy, Paris, Böhmsystem mit Ringklappen, Ende 19. Jh. + Moritz Max Mönnig, Leipzig, Reformsystem nach Schwedler, Grenadill mit Neusilber-Kopf, um 1920 + Wm. S. Haynes Co. Boston, Böhmsystem in Silber, 1964 (Sammlung U. Halder)


Die Pfeife in der Volksmusik

Während das Böhm-Piccolo hauptsächlich in der sog. Kunstmusik seinen Platz fand, behaupteten sich in der Militär- und Volksmusik weiterhin – und teilweise bis zum heutigen Tag – die einfacher konstruierten klappenlosen Pfeifen und ein- bis sechsklappigen Piccolomodelle. Wichtigste Gründe hierfür dürften ihre Robustheit, ihr günstiger Preis und ihre vertrauten Spieleigenschaften sein. Noch anfangs des 20. Jh. war die Pfeife selbstverständlicher Bestandteil des musikalischen Brauchtums im Wallis, im Appenzell, in andern Regionen der Schweiz sowie im östlichen Alpenraum Europas. Dabei spielte sie nicht nur zu Tanz und Unterhaltung auf, sondern begleitete zusammen mit der Trommel auch offizielle Anlässe wie etwa die Landsgemeinde, die Fronleichnamsprozession oder die Vignolage, den jährlichen Fronarbeitstag in den Rebbergen des Val d’Anniviers. Diese bis heute gepflegten Traditionen reichen wohl bis ins militärisch-zivile Brauchtum des Mittelalters zurück, was bei vielen Pfeifer- und Trommlergruppen ja auch gerne mit Fahnen und historischen Uniformen unterstrichen wird. Dies trifft auch für die Region der Ostalpen zu, wo sich das traditionelle Schwegel-Spiel mit seinem Repertoire an Tanzweisen, Militär- und Schützenmärschen vom Salzkammergut aus über die ganze Region vom Allgäu bis zur Steiermark und ins Tirol ausbreiten konnte.


Oberwalliser Tambouren- und Pfeiferfest 2007, Staldenried VS. Der Tambouren- und Pfeiferverein Brigerbad in historischer Uniform paradiert stolz an den begeisterten ZuschauerInnen vorbei. Foto Christine Rüegsegger, Basel


Eine Gruppe Schweglerinnen in Tracht am Österreichischen Pfeifertag 2005 auf der Blaa Alm in Altaussee/Steiermark. Foto Markus Estermann, Dürrenäsch


Die in der Volksmusik verwendeten Instrumente – Schwegel oder Seitlpfeife, Natwärischpfeife und Fifre – erinnern in ihrer Bauart an die Zwerchpfeiff des 16. und 17. Jh. Die meist aus Obstbaumholz gefertigten, ursprünglich zylindrisch (heute meist konisch) gebohrten, einteiligen und an beiden Enden oft kugelartig gedrechselten Querpfeifen ermöglichen mit ihrem kleinen Blasloch und den sechs Grifflöchern einen nicht übermässig lauten, dafür eher runden als schrillen Klang. Die gut 2 ½ Oktaven umfassenden Instrumente werden transponierend gespielt und in allen möglichen Stimmungen hergestellt; bei den Natwärischpfeifen hat sich D1 als Standard durchgesetzt. In C gestimmt war dagegen die „neue Schweizerpfeife“, welche für das Projekt „Feldspiel“ der Schweizer Armee vom Briger Instrumentenbauer Karl Wyssen entworfen wurde. Sie orientierte sich an einer originalen Appenzeller Landsgemeindepfeife aus dem frühen 19. Jh., doch vermochte deren Intonation trotz einiger Änderungen den heutigen Ansprüchen nicht zu genügen. Das Nachfolgemodell in B von Thomas Fehr, das allerdings ohne konkretes historisches Vorbild konzipiert wurde, lässt sich dagegen problemlos spielen.


Vielfalt der Pfeifen und Schwegel. Von unten nach oben: Schwegel in F, Hausa Schmidl, Treffen/Villach, Austria, um 1980 + Natwärischpfeife in B, Oberwallis, um 1990 + Schweizer Feldpfeife in C (Prototyp), Karl Wyssen, Brig, 2007 + Fife in B, Model F, USA, 2000 + Fife in B, mit 10 Grifflöchern, McDonagh Model, Roy Seaman, USA, 1985 + Fife in B, mit 10 Grifflöchern, Healy Flute Company, USA, 1997 + Fife in D, mit zugehörigem fipple (‚Blockflöten-Kopf’), Fussklappe fehlt, England, Ende 19. Jh. + Trommelflöte in C, mit 7. Tonloch und demontablem Schnabel (‚Lungenschoner’) zur Erleichterung des Ansatzes, Deutschland, Ende 19. Jh. (USA Fifes: Leihgaben U. Niederer, Basel/Luzern; alle andern Instrumente: Sammlung U. Halder, Allschwil)


Was heisst ‚original’?

Die neue Schweitzerpfeiff stellt also, wie die meisten Nachbauten historischer Musikinstrumente, einen Kompromiss zwischen historischen Vorstellungen und heutigen Ansprüchen dar. Dies ist verständlich und legitim – die Instrumente sollen ja nicht einigen wenigen Spezialisten vorbehalten bleiben, sondern möglichst vielen Menschen beim Spielen und Zuhören Freude bereiten. Die Frage ist allerdings, wie weit man Klangfarbe, Lautstärke, Stimmhöhe und Intonation verändern kann, ohne den Charakter der ursprünglichen Instrumente schwerwiegend zu verfälschen. Diese Frage stellt sich überall dort, wo eine historische Aufführungspraxis - also die möglichst authentische Interpretation alter Musik - angestrebt wird, zu welcher natürlich auch Instrumente aus der Zeit (resp. ihre Nachbauten) gehören. Obwohl diese Strömung vor allem aus der Kunstmusik bekannt ist – die Schola Cantorum der Basler Musikakademie widmet sich ihr seit über 75 Jahren – gilt sie doch ebenso für die Volksmusik: Was ist denn das musikalische Brauchtum der Pfeifer- und Trommlergruppen im Ober- und Unterwallis, im Salzkammergut und Südtirol, in Schottland und Irland mit ihren traditionellen Instrumenten, ihren überlieferten Tänzen und Märschen, ihren Uniformen und Fahnen anderes als eine nach bestem Wissen und Gewissen angestrebte ‚historische Aufführungspraxis‘?


Das militärische Erbe

Grosses Gewicht auf Authentizität legen etwa die vielen Gruppierungen, welche sich in Nordamerika den militärischen Traditionen aus der Zeit des amerikanischen Bürgerkrieges (1861 – 1865) widmen. Ein wichtiges Ziel dieser Bewegung ist, Gefechtsszenen, militärische Zeremonien und Situationen aus dem Lagerleben möglichst authentisch nachzuspielen (Historical Reenactment). Neben akribisch nachgebildeten Uniformen, Waffen und anderen Gerätschaften aus dem militärischen Arsenal gehören natürlich auch Pfeifen und Trommeln sowie die zugehörigen Ordonnanzsignale und –melodien dazu. Obwohl die Pfeife im Verlauf des Bürgerkrieges als Gefechtsinstrument zunehmend vom lauteren Signalhorn abgelöst wurde, blieb sie dank ihrer Vielseitigkeit weiterhin populär.

Im populären 'Historical Reenactment' werden in manchen Gegenden der USA noch heute Szenen aus dem amerikanischen Bürgerkrieg mit viel Engagement, Liebe zum historischen Detail und wohl auch Glorifizierung des damaligen Kriegsgeschehens nachgestellt.


Ab etwa 1880 bildeten Bürgerkriegsveteranen erste zivile fife and drum corps; heute sind diese weit über die ursprünglichen New England-Staaten hinaus populär geworden und haben ihre Sympathisanten und Ableger sogar bei uns in Europa gefunden. Ihre Pfeifen, etwa die legendäre Cloos Crosby fife in B oder ihre Nachfolgerin Model F mit ihren sechs klappenlosen Fingerlöchern und den charakteristischen Metallkappen an beiden Rohrenden lehnten sich ursprünglich noch stark an die im Bürgerkrieg weit verbreiteten Instrumente der New Yorker Firma Firth & Pond an. Seither sind unzählige weitere Pfeifenmodelle aufgetaucht – alle mit dem Anspruch, authentische Instrumente für die traditionsbewusste (Ancient) Pfeifer- und Trommlergemeinde zu sein, doch in aller Regel mit mehr oder weniger veränderter Bohrung, neu gestalteten Grifflöchern und verbesserter Intonation. Am weitesten in Richtung ‚Optimierung’ gehen heute Instrumentenbauer wie etwa John McDonagh oder Skip Healy, deren Pfeifen über eine völlig veränderte Bohrung, zehn oder elf gross dimensionierte Fingerlöcher und einen Stimmzug verfügen, was ihnen eine leichtere Ansprache, problemlose Intonation und vor allem eindrückliche Lautstärke verleiht. Solche Instrumente werden nicht zuletzt vom traditionsbewussten Old Guard US Army Fife and Drum Corps eingesetzt. Mit den Pfeifen der Bürgerkriegsepoche haben diese Hightech-Geräte allerdings nicht mehr viel gemein.


Das Old Guard Fife and Drum Corps der US Army, eines der professionellsten Ensembles in den USA, besteht aus rund 80 Pfeifern, Trommlern und Hornbläsern beiderlei Geschlechts. Für ihre vielen Auftritte im ganzen Land teilt sich das Corps jeweils in kleinere Gruppen auf. Der Tambourmajor der Old Guard markiert den Takt traditionellerweise mit einer Lanze. (Foto U. Niederer, Basel/Luzern)


Von Fasnachtscliquen…

Auch das Basler Piccolo ist längst nicht so alt, wie die mittelalterlichen Ursprünge seiner Zweckbestimmung, der Fasnacht, vermuten lassen. In ihrer heutigen Form entwickelte sich die Basler Fasnacht erst ab dem Ende des 19. Jh. Allerdings waren bei den ersten damals gegründeten Cliquen die Pfeifer noch rar; sie fanden ihre heutige Rolle recht spät, eigentlich erst nach dem zweiten Weltkrieg. Verwendeten die Pfeifer um die Jahrhundertwende noch einfache einklappige Instrumente, so dominierte ab der Zwischenkriegszeit die sechsklappige konische Piccoloflöte in D2. Deren Schwächen – insbesondere die uneinheitliche Stimmung – wurden in den 50er Jahren vom Basler Instrumentenbauer Erwin Oesch schrittweise verbessert: mit einer veränderten Bohrung, vergrösserten und neu positionierten Grifflöchern und einem Metallkopf mit einer Mundplatte aus Kunststoff.

Später kamen noch das Modell ‚Spez’ mit kräftigerer Tiefe sowie Varianten aus Kunststoff und separate Kopfstücke dazu. Zudem experimentiert seit einigen Jahren eine Gruppe Basler Pfeifer um den Musiker Bernhard ‚Beeri’ Batschelet nicht nur mit unkonventionellen musikalischen Formen, sondern auch mit einem neu entwickelten ‚Bass-Piccolo’ in G. Allerdings steht den Basler Fasnächtlern der Sinn nicht nach Veränderung. Weshalb auch? Trotz (oder gerade wegen) seines schneidenden Tones – er kommt am Ohr des Spielers nachweislich mit der Lautstärke einer Kettensäge an – findet das Piccolo seine Liebhaber bereits weit über die Basler Fasnacht hinaus. Manches Pfeiferkorps und selbst die Päpstliche Garde in Rom mit ihrer 500-jährigen Tradition hat sich für den scharfen Typus der kurzen Flöte entschieden.

An zwei Nachmittagen der dreitägigen Basler Fasnacht marschieren die Aktiven trommelnd und pfeifend im straff organisierten „Cortège“ mit. An den restlichen Tagen (und Nächten) ist ‚Gässlen’ angesagt: Die Pfeifer und Trommler promenieren in kleinen Gruppen und nach eigenem Fahrplan durch die Basler Gassen. (Foto Susanna Drescher, Basel)


…Spielmannszügen…

Mit ihren unzähligen Spielmannszügen hat auch Deutschland eine höchst aktive Pfeifer- und Trommler-Szene. Viele dieser Gruppierungen entstanden in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, oft als separate Abteilungen von Turn- oder Schützenvereinen oder der freiwilligen Feuerwehr, und jeweils zuständig für Marschmusik und geziemende Umrahmung der Vereinsanlässe. Zwar spiegelt sich die Vereinsherkunft der Spielmannszüge in der unterschiedlichen Grundfarbe ihrer Uniformen, doch ist ihre instrumentale Ausstattung mit Pfeifen, (kleinen) Marschtrommeln und grosser Trommel (Pauke), Lyra (Glockenspiel) und Becken (Tschinellen) recht einheitlich. Wurden früher sog. Trommelflöten militärischer Herkunft verwendet – konisch gebohrte Holzinstrumente in C2 mit sieben Grifflöchern –, so sind heute die sog. Sandner-Zauberflöten weit verbreitet: zylindrische Metallpfeifen im Diskant (Es3), Sopran (B2), Alt (Es2) und Tenor (B1). Vielleicht geprägt durch die wiederholten politischen Vereinnahmungen in ihrer Geschichte (Nazizeit, Zweiter Weltkrieg, DDR) scheinen sich die Spielmannszüge heute weniger an strenge Traditionen gebunden zu fühlen und offen zu sein für Erweiterungen ihres Repertoires in Richtung moderne Musik, ihrer musikalischen Partnerschaften – etwa mit Blasmusiken und Fanfarenzügen – und ihres Instrumentariums, z. B. im Wechsel zu Böhmflöte und –piccolo.

Spielmannszug der Bürgerschützen von Hiltrup/Münster in Westfalen. Charakteristisch ist das Instrumentarium mit Pfeife, kleiner Trommel und Lyra (Glockenspiel). Eher untypisch ist dagegen die rote Uniform: Den Schützenvereinen entstammende Spielmannszüge tragen traditionellerweise Grün. Bild: Westfälische Nachrichten, Münster.


…und Paraden

In einem speziellen politischen Kontext operieren die zahlreichen flute bands in Nordirland. Sie gehören meist protestantisch-unionistischen Kreisen an, welche sich seit Beginn des 20. Jh für die Zugehörigkeit Nordirlands zu England einsetzen –im Gegensatz zu den vorwiegend katholischen irisch-nationalistischen Kreisen, welche sich der irischen Republik verbunden fühlen. Institutionen beider Richtungen, besonders häufig aber die protestantische Seite (etwa mit ihrem Oranje Orden) organisieren jährlich rund 2’000 Paraden im Gedenken an besondere Taten aus ihrer Geschichte – aber sicherlich auch, um ihre Präsenz und Stärke gegenüber dem politischen Gegner zu markieren. Dies führte in den 70er und 80er Jahren immer wieder zu blutigen Konfrontationen, weshalb 1998 eine spezielle Parades Commission zur Regelung dieser Konflikte eingesetzt wurde.

Die Paraden in Nordirland werden traditionellerweise von Trommlern und Pfeifern, den marching flute bands, begleitet; deren älteste, die Churchill Flute Band von Londonderry, wurde bereits 1835 gegründet. Im 19. Jh spielten die flute bands noch auf klappenlosen Pfeifen; heute werden solche Instrumente fast nur noch in der irischen folk music verwendet. Die typische marching flute band spielt heute in aller Regel auf sechsklappigen konischen Flöten in B1, und zwar zusammen mit Trommeln, Tschinellen und mindestens einer Pauke – z. B. einer der gigantischen, beidseitig geschlagenen irischen Lambeg drum. Neben diesen melody bands – bei neueren Formationen hat sich auch der vielsagende Begriff blood and thunder bands eingebürgert – mit ihrer ebenso simplen wie martialischen Marschmusik widmen sich andere flute bands dem kunstvolleren mehrstimmigen Spiel und messen sich mit klassischen und modernen Arrangements in nationalen Wettbewerben. Den höheren Anforderungen entsprechend haben sie meist auch ihr Instrumentarium modernisiert und verwenden Böhmflöten in der ganzen Bandbreite vom Piccolo in C2 bis zur Altflöte in G oder zur Bassflöte in C.

Shankill Road Defenders Flute Band aus Belfast, eine der vielen marching flute bands in Nordirland. Gegründet 1957, trägt sie wie viele Bands den Namen der Strasse, aus der ihre Mitglieder stammen. Wie die meisten flute bands in Ulster gehören die Shankill Roaders der protestantisch-unionistischen Bewegung an, doch scheinen sie mehr an guten Wettspielresultaten als an Provokationen auf der Strasse interessiert zu sein. Bild: SRDFB, Belfast.


Zum Schluss: Die patriotische Pfeife

Schon ein flüchtiger Blick in die Geschichte der Pfeife zeigt, welch wichtige gesellschaftliche und politische Rolle sie im Verlauf der Jahrhunderte immer wieder gespielt hat – und noch immer spielt. Gibt es ein patriotischeres Instrument als die unscheinbare Pfeife, ganz besonders in ihrer Partnerschaft mit der Trommel?

Pfeife und Trommel als Symbol für Freiheitswille und Nationalstolz: Kein Bild kann die patriotische Rolle dieses Instrumentenpaares besser wiedergeben als Archibald M. Willards „Spirit of ’76“. Das Gemälde entstand 1876 und zeigt amerikanische Truppen im Unabhängigkeitskrieg gegen England (1775 – 1783). Herrick Memorial Library.

Mit Patriotismus – der Vaterlandliebe – ist ja immer auch eine Bindung an bestimmte Werte verbunden, die sich in Traditionen, Ritualen und Symbolen manifestieren: in Fahnen, Uniformen und Abzeichen, in speziellen Instrumenten und Gerätschaften, in überlieferten Hymnen, Musikstücken und Zeremonien, in der Verehrung historischer Grössen und dem Gedenken an bedeutsame Ereignisse. All dies finden wir in der Geschichte der Pfeife reichlich, heute nicht weniger als früher. Im Gegenteil: Aus den ursprünglich oft ganz praktisch-militärischen Funktionen von Pfeife und Trommel sind im Verlauf der Zeit Rituale geworden, die nun meist um ihrer selbst willen und zur Freude von Ausführenden und Publikum veranstaltet werden. Solches Brauchtum versteht Patriotismus in aller Regel eher als pflegliche Heimatliebe denn als überheblicher Nationalstolz, der ja latent die Gefahr der Ausgrenzung in sich trägt. Nicht alle Pfeifer- und Trommlergruppen entgehen dieser Versuchung. Doch scheinen es nicht die trennenden, sondern vor allem die verbindenden Werte zu sein, welche die weltweite Pfeifer- und Trommlergemeinschaft über alle geografischen, religiösen und politischen Grenzen hinweg pflegt. Sorgen wir dafür, dass dies so bleibt.


Besten Dank allen, die mit ihrem Wissen, Können und Bildmaterial zu dieser Arbeit beigetragen haben: Boaz Berney (Jaffa), Albert Jan Becking, Liane Ehlich, Sarah van Cornewal (alle Basel): Geschichte der Pfeife in Mittelalter, Renaissance und Barock; Dr. Thomas Drescher (Basel):Forschungsergebnisse und Bildmaterial der Schola Cantorum Basiliensis; Dr. Ulrich Niederer (Basel/Luzern): American Fife und Basler Fasnacht; Markus Estermann (Densbüren): Projekt Feldspiel der Schweizer Armee.


Quellen

  • Becking, Albert Jan, Pfeife und Trommel um 1500, In Vorbereitung, Basel.
  • Becking, Albert Jan, Pfeifen und Flöten, Pfeifen oder Flöten: Zur Entstehung des Flötenconsorts um 1520, Glareana, 56, Jg., Basel 2007.
  • Berney, Boaz / van Cornewal, Sarah, La Grande Ecurie: Fifres, Forschungsprojekt der SCB, Basel 2009,URL: www.rimab.ch.
  • Brown, Rachel, The Early Flute – A Practical Guide, Cambridge University Press 2002.
  • Duthaler, Georg, Trommeln und Pfeifen in Basel. Kapitel über Pfeife und Piccolo: Verena Gutmann. Chr. Merian Verlag, Basel 1985
  • Ehlich, Liane & Becking, Albert Jan, Ikonographie der Renaissanceflöte, Musikhochschule Luzern 2006/07/08 URL: www.renaissanceflute.ch.
  • Ehlich, Liane, Zur Ikonographie der Flöte im Mittelalter, Basler Jahrbuch für historische Musikpraxis, Bd. VIII, Basel 1984.
  • Kinzer, Charles E., Music, in: David S. Heidler and Jeanne T. Heidler (Ed.), Encyclopedia of the American War. ABC – CLIO, Inc., Santa Barbara / CA, 2000.
  • Meylan, Raymond, Die Flöte – Grundzüge ihrer Entwicklung von der Urgeschichte bis zur Gegenwart, Hallwag Verlag, Bern 1974 / Neuauflage Schott Musik International, Mainz 2000.
  • Powell Ardal, The Flute, Yale University Press, New Haven and London, 2002.
  • Smith Anne, The Renaissance Flute, In: John Solum, The Early Flute, Clarendon Press, Oxford 1992.
  • Toff Nancy, The Flute Book, Oxford University Press, Oxford 1996.